Schulalltag
ADHS erkennen
Zusammenarbeit im Team
Veränderungen und Übergänge
Schulausflüge
Klassenkameraden
Elternabende
ADHS erkennen
Fällt ein Kind in der Schulklasse durch sein Verhalten auf, ist es häufig
schwierig, die Gründe dafür festzustellen. Deshalb ist es zunächst wichtig, sich
genügend Zeit zu nehmen, um das Kind zu beobachten. Man sollte die Probleme
jedoch nicht aufschieben oder ignorieren, da z.B. durch die frühe Erkennung von
ADHS und eine entsprechende Förderung des Kindes die Symptome und mögliche
Begleiterkrankungen verringert oder sogar verhindert werden können.
Beobachtungen schriftlich festhalten
Am Besten beobachten Sie das
Kind einige Tage und halten die Ergebnisse schriftlich fest. Konkrete Beispiele
können auch im
Gespräch mit den Eltern hilfreich sein.
Die Mitschriften sollten dabei idealerweise sehr konkret und zunächst frei von
Wertungen sein: Schreiben Sie also lieber auf ‚Der Schüler blickt erst nach
dreimaliger Namensnennung auf‘ als ‚Der Schüler träumt‘.
Als Erstes mit den Eltern reden
Nach der Beobachtung des Kindes
sollten die Ergebnisse und Verdachtsmomente zunächst den Eltern mitgeteilt
werden. Diese müssen dann entscheiden, ob sie die Problematik ärztlich abklären
lassen oder andere Hilfe in Anspruch nehmen möchten. Allerdings können Sie durch
eine gute Beratung und gegebenenfalls Tipps positiven Einfluss nehmen. Mehr zum
Gespräch mit den Eltern erfahren Sie
hier.
Drei Typen von ADHS
Häufig verbindet man mit ADHS nur das
typische „Rumzappeln“ der Kinder. Da die Aufmerksamkeitsstörung aber auch ohne
Hyperaktivität auftreten kann, muss das Kind nicht immer körperlich unruhig
sein. Die Einteilung der verschiedenen Typen und die medizinischen Symptome von
ADHS finden Sie in der Bibliothek. Im Folgenden finden Sie Beispiele für
typisches Verhalten von Kindern mit ADHS im Schulalltag.
Aufmerksamkeitsdefizit im Schulalltag
Die Kinder sind sehr
leicht ablenkbar und können sich schlecht auf eine Aufgabe konzentrieren. Dies
äußert sich zum Beispiel in Stillarbeitsphasen, in denen das Kind den Vogel auf
dem Baum, die Flusen auf dem Pulli des Nachbarn und Ihre neue Tasche bemerkt,
aber nicht die Aufgaben auf dem Arbeitsblatt löst. Zum Teil nehmen die Kinder
Informationen gar nicht erst auf. Sie scheinen oft auch nicht oder erst sehr
spät zu hören, selbst wenn man sie direkt mit ihrem Namen anspricht. In
Freiarbeitszeiten, in denen die Schüler Aktivitäten selbst auswählen können,
fangen sie Spiele an, brechen diese aber schnell wieder ab, um eine neue
Beschäftigung zu beginnen. Bei Themen, die ihr Interesse wecken, können manche
dieser Kinder sich andererseits ganz in die Aufgabe vertiefen. Anstatt des
üblichen schnellen Wechsels ist hier eher eine zu starke Fokussierung zu
beobachten.
Impulsivität im Schulalltag
Kinder mit ADHS haben zum Beispiel
häufig Schwierigkeiten, beim Melden zu warten, bis sie an der Reihe sind. Sie
platzen stattdessen einfach mit der Antwort heraus. Manchmal reden die Kinder
auch ohne Unterbrechung, stellen Fragen, deren Antwort sie nicht abwarten oder
lassen andere überhaupt nicht zu Wort kommen. Auch das Aufschieben anderer
Bedürfnisse fällt ihnen häufig sehr schwer. Sie verhalten sich bei der
Impulskontrolle eher wie Kleinkinder, die z.B. den Stift sofort haben müssen.
Hyperaktivität im Schulalltag
Bei Kindern mit dem hyperaktiven
Typ ist das vorherrschende Symptom die körperliche Unruhe. Sie sind ständig in
Bewegung. Ruhige Phasen sind schwer auszuhalten oder werden abgebrochen, z.B.
kippelt das Kind im Stuhlkreis, bis es das Sitzen nicht mehr aushält und
aufspringt. Die Kinder trommeln, pfeifen, summen oder singen in stillen Phasen
häufig. Dabei haben sie in ihrem Bewegungsdrang oft keine richtige
Gefahreneinschätzung und verletzen sich häufiger als andere Kinder, z.B. beim
Klettern. Die Kinder sind emotional eher instabil: Sie werden schnell wütend und
steigern sich in ihre Gefühle hinein. Ihr Verhalten lässt sie schwer
Freundschaften schließen.
Kinder mit der Ausprägung ohne Hyperaktivität wirken oft ein bisschen
ungelenk: Ihre Grob- und Feinmotorik sind nicht altersgemäß entwickelt. Oft sind
sie auch sehr empfindlich: Sie weinen leicht und sind überfordert von lauten
Geräuschen oder überfüllten, hektischen Situationen.
Abgrenzung zu anderen Einflussfaktoren
Jedes Kind ist in
gewissen Phasen oder Situationen hyperaktiv. So tritt zum Beispiel im Alter
zwischen 3-4 Jahren bei vielen Kindern eine größere körperliche Unruhe auf. Im
Unterschied zu Kindern mit ADHS ist dieses Verhalten jedoch zeitlich begrenzt
und die Kinder können sich in „wichtigen“ Situationen durchaus benehmen. Ein
Kind mit ADHS kann dies kaum oder gar nicht.
Auch belastende Situationen, wie z.B. eine Scheidung oder ein wenig
stabiles Familiensystem, können dazu führen, dass ein Kind auffällig wird. Hier
muss abgeklärt werden, inwieweit diese äußeren Einflüsse Ursache für das
Verhalten des Kindes sind.
In den Medien wird häufiger das Thema Hochbegabung und ADHS thematisiert.
Tatsächlich können durch Unterforderung Symptome auftreten, die denen einer ADHS
ähneln, die Sonderbegabung tritt bei Kindern mit ADHS jedoch nicht vermehrt im
Vergleich zu Kindern ohne die Störung auf.
nach oben
Zusammenarbeit im Team
Durch die ADHS können vielfältige Probleme im Umfeld des Kindes entstehen.
Als „Einzelkämpfer“ an diesen Problemen zu arbeiten ist häufig sehr schwierig
oder gar nicht möglich. Je mehr Beteiligte als Team gemeinsam die Problematiken
angehen, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie effektiv etwas
verbessern können.
Deshalb sollten Sie sich im Kollegium regelmäßig darüber austauschen und
abstimmen, welche Ansätze die einzelnen Lehrer verfolgen und wie erfolgreich sie
dabei sind. Neben Konferenzen kann dafür auch das Klassenbuch genutzt werden.
Wenden alle Lehrer über den gesamten Tagesablauf die gleichen Taktiken an,
ergibt sich für das Kind mit ADHS die wichtige wiederkehrende Struktur. Der
Dialog mit den Kollegen dient auch dem Austausch von Erfahrungen: Welche
Strategien sind erfolgreich? Welche Problematiken bestehen weiter? Welche
Schwierigkeiten sollen angegangen werden?
Zu guter Letzt kann bei den Kollegen auch einfach Emotionalität abgebaut
werden, die beim Kind aus pädagogischen Gründen unterdrückt wird.
Um alle Kollegen auf den gleichen Stand zu bringen, kann es hilfreich sein,
Fortbildungen oder Supervisionen zum Thema ADHS anzubieten.
nach oben
Veränderungen und Übergänge
Struktur und Rituale bieten dem Kind mit ADHS Sicherheit. Nicht verwunderlich
ist es also, dass Veränderungen und Übergänge, z.B. der Wechsel des
Klassenraums, schwierige Situationen für diese Kinder sind. Deshalb sollten
diese Phasen so gut wie möglich geplant und strukturiert werden.
Zusammenarbeit mit den Eltern
Viele der strukturierenden
Maßnahmen kann man am besten mit den Eltern umsetzen. Wenn z.B. An- und
Ausziehen nach dem Sportunterricht besonders lange dauert, sollte die Kleidung
möglichst leicht zu wechseln sein, also z.B. Klettverschlüsse an den Schuhen,
keine Strumpfhose etc. Ist das Kind sehr vergesslich, kann für Notfälle ein
zweiter Satz der benötigten Dinge in der Schule verbleiben, also z.B. Bücher
oder Sportsachen.
Übergänge deutlich ankündigen und visualisieren
Damit das Kind
eine Veränderung realisiert und sich darauf einstellen kann, ist es wichtig,
diese deutlich anzukündigen. Wird zum Beispiel das Lesen beendet, um
Schreib-Aufgaben zu beginnen, sollte dies auch verbal und am besten sogar
visuell unterstützt werden.
Der Stundenplan kann als „roter Faden“ für den Tag genutzt werden: Er kann
nicht nur die die Unterrichtsstunden aufführen, sondern z.B. auch die Pausen und
was in ihnen zu tun ist berücksichtigen, z.B. die Notiz „Wechsel von Klassen- in
Musikzimmer“. Bei jüngeren Kindern können hier auch Piktogramme helfen, um die
Schriftbarriere zu überwinden. Ändert sich etwas im üblichen Ablauf, so muss
dies vorher deutlich angekündigt werden. Soll zum Beispiel ausnahmsweise ein
anderer Raum aufgesucht werden, sollte dies groß an die Tafel geschrieben − und
am besten gemalt − werden.
Übergang von Bewegung zu ruhigen Phasen
Im Sportunterricht können
und sollen die Kinder sich bewegen. Häufig wird gerade bei Kindern mit ADHS
dabei sozusagen angenommen, sie könnten sich hier „austoben“ und würden dadurch
ruhiger. Leider sind allerdings gerade solche Phasen sehr schwierig für Kinder
mit ADHS. Sie schlagen über die Stränge, verletzen die Regeln und bleiben häufig
aufgedreht und übermütig, auch wenn eigentlich schon längst wieder ruhige
Arbeiten auf dem Programm stehen. Aus diesem Grund sollte das Bewegungsangebot
immer gezielt eingesetzt werden und mit klaren Anweisungen verbunden sein. Bei
einem Laufspiel kann man das Kind zügeln, indem man ihm z.B. eine Hilfstätigkeit
überträgt.
Manchmal hilft es, den „Bock zum Gärtner“ zu machen, also z.B. genau dieses
Kind zum Fair-Play-Beauftragten zu ernennen. Am Ende der Stunde sollte die
Aktivität ausklingen, z.B. indem das Kind beim Aufräumen schwere Matten zieht.
nach oben
Schulausflüge
Eine gemeinsame Klassenfahrt ist ein prägendes Ereignis für alle Schüler: Für
viele ist es die erste Reise ohne die Eltern. Für Sie als Lehrer ist die
Klassenfahrt zwar auch ein tolles Erlebnis, aber auch viel Vorbereitung, Arbeit
und Verantwortung. Befindet sich unter den Schülern ein Kind mit ADHS, kommen
schnell Zweifel auf, ob man den Betreuungsaufwand für die gesamte Klasse und das
betroffene Kind noch leisten kann − insbesondere da Kinder mit ADHS durch ihre
Impulsivität einem höheren Risiko für Unfälle und Verletzungen unterliegen.
Trotzdem sollte ein Ausschluss von der Klassenfahrt nur als allerletzte
Option in Betracht gezogen werden. Lässt man das Kind nicht mitfahren, wird sich
das auf Ihr Verhältnis zu dem Schüler auswirken und seine Außenseiter-Rolle in
der Klasse verstärken.
Besser ist es, alle Möglichkeiten auszuschöpfen:
- Ist es möglich, dass ein Elternteil mitfährt?
- Gibt es andere Möglichkeiten, das Betreuungspersonal aufzustocken?
- Kann man mit dem Kind Verträge und feste Abmachungen schließen?
- Kann man mit den Eltern eine Art Hotline einrichten, so dass diese
erreichbar sind?
- Ist es möglich, das Kind zunächst mitzunehmen und mit den Eltern zu
verabreden, dass es im Krisenfall vorzeitig nach Hause fährt?
Fährt ein Kind mit ADHS mit auf die Klassenfahrt, sollte man daran denken,
dass die Grundregeln für den Unterricht auch – oder sogar besonders − in einer
fremden Umgebung gelten. Am Besten unterhalten Sie sich vorher intensiv mit den
Eltern, wo Knackpunkte bestehen, die Sie vielleicht noch nicht kennen.
Das Kind braucht sehr viel Struktur, um einen geregelten Tagesablauf zu
bewältigen. Dies beginnt bei einer intensiven Vorbereitung: Jeder Tag sollte
feste Punkte haben, die immer gleich sind. Bei den wechselnden Programmpunkten
kann ein Klassenfahrtsplan helfen, der, ähnlich wie der Stundenplan, genau den
Ablauf zeigt. Passen Sie auch den Tagesablauf an: Wenn das Kind z.B. von zu viel
Input überfordert wird, sollten Ruhephasen eingebaut werden.
nach oben
Klassenkameraden
Kinder mit ADHS haben häufig durch ihr Verhalten Schwierigkeiten,
Freundschaften aufzubauen und zu erhalten. Mehr noch als alle anderen benötigen
Kinder mit ADHS eine Förderung der sozialen und emotionalen Kompetenzen. Als
Lehrer sollte man dabei nicht erwarten, dass das Kind zum „Liebling“ der Klasse
wird. Ziel sollte es vielmehr sein, dass die Kinder sich gegenseitig akzeptieren
und angemessen miteinander umgehen.
Sie sind ein Vorbild
Als Lehrer übernehmen Sie in der Klasse
eine besondere Vorbildfunktion. Ihr Umgang mit der Krankheit und dem betroffenen
Kind prägt auch das Verständnis der anderen Kinder. Anerkennung und
Wertschätzung, ohne das Kind in eine Sonderrolle zu heben, lassen auch die
Mitschüler die positiven Seiten deutlicher erkennen.
Auf der anderen Seite führen ständige öffentliche Ermahnungen und Strafen zu
einem deutlich negativeren Bild. Geben Sie dem Kind die Chance, seine Stärken
vorzustellen: Lassen Sie es beispielsweise ein Referat über ein Thema halten, in
dem es sich ganz besonders gut auskennt.
ADHS als Unterrichtsthema
Die Frage, ob ADHS in der gesamten
Klasse thematisiert werden sollte, ist häufig problematisch. Einerseits haben
viele Lehrer und Eltern Angst, das Kind zu stigmatisieren – oft will auch das
Kind nicht, dass den Klassenkameraden von der Krankheit erzählt wird. Auf der
anderen Seite hat sich gezeigt, dass Kinder häufig besser mit dem betroffenen
Kind umgehen können, wenn sie über die Hintergründe aufgeklärt wurden. Die
Entscheidung darüber, wie mit dem Thema umgegangen wird, sollten Eltern, Schüler
und Lehrer gemeinsam treffen. Natürlich darf der Schüler mit ADHS auf keinen
Fall „vorgeführt“ werden.
Zum sensiblen Umgang mit chronischen Erkrankungen wie auch ADHS hat die
Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung eine Broschüre herausgegeben, die
Sie bestellen oder online abrufen können.
Konflikte neutral besprechen
Es ist wahrscheinlich, dass ein
Kind mit ADHS häufiger in Konfliktsituationen gerät. Zum einen, weil es durch
seine Impulsivität zu starken Reaktionen neigt, zum anderen aber auch, weil die
Mitschüler häufig sehr gut die Schwachstellen des betroffenen Kindes erkennen
und diese zum Ärgern nutzen. Sie sollten aufpassen, dass Sie hier nicht als
Richter eingreifen: Häufig ist der Schuldige nicht so einfach auszumachen und
eine gerechte Lösung der Situation gar nicht möglich. Besser ist es, die Kinder
zunächst ohne Wertung zu trennen. In einem späteren Gespräch kann dann geklärt
werden, warum die Kinder streiten und von allen Beteiligten Lösungsvorschläge
angehört werden.
Freundschaften behutsam fördern
Aufkeimende Freundschaften in der
Klassengemeinschaft können Sie behutsam fördern, z.B. in dem Sie die Kinder
gemeinsam arbeiten lassen. Allerdings sollten Sie dabei vermeiden, dass soziale
verträgliche Kinder nicht ständig mit dem betroffenen Kind zusammenarbeiten,
obwohl sie das gar nicht wollen − nur weil „es so gut klappt“. Eine
Zusammenarbeit mit dem betroffenen Kind darf nicht als Strafe für die anderen
Kinder empfunden werden.
nach oben
Elternabende
Ein Kind mit ADHS in der Klasse kostet viel Ihrer Zeit und Aufmerksamkeit.
Die Mitschüler erzählen mit großer Wahrscheinlichkeit ihren Eltern von den
Vorkommnissen und Schwierigkeiten mit dem Kind mit ADHS. Nicht selten sind diese
dann beunruhigt, ob ihr eigenes Kind ungestört dem Unterricht folgen kann und
genügend Aufmerksamkeit erhält.
Zusammen mit den Eltern des betroffenen Kindes kann hier überlegt werden, ob
es sinnvoll ist, die anderen Eltern aufzuklären und z.B. einen Informationsabend
über ADHS zu veranstalten.
Bei einem Konflikt oder sogar „Frontenbildung“ zwischen den Eltern sollten
Sie vorsichtig agieren. Wenn Sie hier zu sehr für einen Teil Partei ergreifen,
können Sie sich in eine schwierige Situation manövrieren: Beide Fraktionen
werden ungehalten reagieren, wenn Sie das Gefühl haben, dass Sie auf der
„anderen Seite stehen“.
Grundsätzlich sollte gelten, dass Sie unabhängig von allen Elternmeinungen
entscheiden, wie in der Schule mit der Erkrankung und daraus entstehenden
Problemen umgegangen wird.