Das erste Gespräch mit den Eltern
Beständig mit den Eltern in Kontakt bleiben
Mit dem Kind reden
Schnell, aber behutsam reagieren
Wenn der Verdacht aufkommt, dass ein Kind aus Ihrer Schulklasse unter ADHS
leidet, sollten Sie frühzeitig ein Gespräch mit den Eltern
anstreben, bevor die Situation schlimmstenfalls eskaliert.
Ein solches Gespräch ist, je nach Beziehung zwischen Eltern und Lehrer,
eine sensible Angelegenheit. Deshalb sollte das Thema nicht
zwischen Tür und Angel angesprochen werden. Laden Sie die Eltern
zu einem ruhigen Gespräch ein, auf das Sie sich gut vorbereiten.
Wir sind ein Team
Ziel eines solchen Gesprächs sollte immer sein, gemeinsam die besten
Lösungsmöglichkeiten für alle Beteiligten zu finden. Das wird
nicht immer konfliktfrei möglich sein. Die Frage bleibt, wie
Differenzen ausgetragen werden. Wenn es möglich ist, sollte den
Eltern dabei immer signalisiert werden, dass man sie als
gleichwertigen Partner ansieht und an einer Teamarbeit
interessiert ist. Von der Verbesserung der Situation profitieren
schließlich beide Seiten.
Keine Diagnosestellung
Die Diagnosestellung einer ADHS gehört in Hände von spezialisierten
Medizinern (siehe auch
Diagnosestellung). Bei den Eltern sollte deshalb nicht
der Eindruck entstehen, dass für die Lehrer oder die Schule die
Diagnose schon feststeht. Vielmehr dient das Gespräch dazu,
abzuklären, ob die Schwierigkeiten zu Hause auch bestehen, ob
eine medizinische Abklärung schon stattgefunden hat oder ob die
Eltern offen dafür wären.
Kritik vorsichtig äußern
Negative Beschreibungen des Kindes können von den Eltern als Kritik an
ihrer Erziehung gesehen werden. Hier ist es wichtig, deutlich zu
signalisieren, dass man gemeinsame Ziele verfolgt. Sie können
z.B. mit Problematiken beginnen, die sowohl Sie als auch die
Eltern betreffen. Wenn Sie zugeben, dass Sie selbst vielleicht
noch nach dem richtigen Lösungsansatz suchen, werden die Eltern
sich weniger auf der Anklagebank sehen. Wenn es tatsächlich
kritische Punkte gibt, sollten diese sehr vorsichtig, mit dem
richtigen Timing und vor allem ohne Vorwürfe angesprochen
werden.
Unterschiedliche Problemstellungen
Manche Eltern behaupten,
dass die geschilderten Probleme ausschließlich in der Schule
auftreten. Bedenken Sie dabei, dass dies vielleicht einfach eine
Abwehrhaltung ist. Diese kann manchmal umgangen werden, wenn Sie
zeigen, dass es Ihnen nicht um eine Schuldzuweisung, sondern um
den Schüler geht.
Eventuell kennen die Eltern die beschriebene Problematik aber tatsächlich
nicht: Es kann sein, dass sie zu Hause unbewusst entsprechende
Erziehungs-Taktiken zur Vermeidung des Problemverhaltens
entwickelt haben oder aber das Kind sich nur in bestimmten
Situationen so verhält. Hier hilft manchmal eine Hospitation der
Eltern im Schulunterricht, um das Verhalten des Kindes in
anderen Situationen mitzuerleben.
Informationen weitergeben
Während des Gesprächs erfahren Sie
wahrscheinlich, ob bereits eine medizinische Abklärung
stattgefunden hat oder andere Hilfsmöglichkeiten in Anspruch
genommen wurden. Sind die Eltern offen für eine Abklärung
hinsichtlich ADHS, können Adressen von entsprechenden
Spezialisten oder regionalen Selbsthilfegruppen ein guter Tipp
sein. Wenn die Eltern sich erst einmal unverbindlich informieren
wollen, kann man auf eine der seriösen
Internetseiten verweisen.
Forderungen der Eltern ernst nehmen und verhandeln
In manchen
Fällen sind die Eltern schon vor dem Gespräch überzeugt von der
Diagnose ADHS und fordern Sonderregelungen für ihr Kind mit
großer Vehemenz ein. Auch wenn die Forderungen auf den ersten
Blick vielleicht übertrieben und unrealistisch erscheinen,
bedenken Sie: Diese Eltern wollen nur das Beste für Ihr Kind und
setzen sich dafür ein. Wenn Sie Ihre grundsätzliche Bereitschaft
signalisieren, lassen sich eher Kompromisslösungen finden.
Aufklärung durch Informationsflut
Wundern Sie sich nicht, wenn
die Eltern Ihnen große Mengen an Informationsmaterialien und
Tipps, auch unaufgefordert, mitbringen. Viele Ratgeber empfehlen
Eltern, den Lehrern solche Materialien an die Hand zu geben, um
aufzuklären und Vorurteile abzubauen. Sehen Sie deshalb auch
etwas übertriebene Informationsfluten als Versuch der Eltern,
das Kind und sich zu schützen und auch als Hilfsangebot an Sie.
Um den Eltern zu zeigen, dass man gut informiert ist, hilft es
manchmal, einfach selbst mit einem Buch- oder Surftipp zu
kontern.
Nach der Diagnose durch einen Experten sollte ein
regelmäßiger Austausch stattfinden, ohne dass dies für Sie oder
die Eltern zu einer zusätzlichen Belastung wird.
Grundlegende Informationen austauschen
Zunächst ist es dabei
wichtig, die grundlegenden Fragen und Absprachen zu klären. Wie
lautet die Diagnose? Welche Therapie ist angedacht? Wie und wo
wird sie stattfinden?
Bedenken Sie hierbei, dass die Eltern nicht verpflichtet sind, Ihnen
Auskünfte über die Erkrankung zu geben. Außerdem sollten Ihre
Befugnisse abgeklärt und gegebenenfalls schriftlich festgehalten
werden (siehe
Rechte und Pflichten). Sinnvoll ist es auch, eine Liste
mit den wichtigsten Ansprechpartnern und Telefonnummern
anzulegen.
Feste Gesprächstermine verabreden
Um den Kontakt für beide
Seiten planbar und in einem zeitlich akzeptablen Rahmen zu
halten, ist es gut, gemeinsam feste Gesprächszeiten auszumachen,
z.B. alle 14 Tage ein Telefonat von 15 Minuten. In der
Zwischenzeit wird für Mitteilungen ein Kontaktheft genutzt. Je
nachdem, wie gut sich Eltern an diese Regelung halten, sollte
sie lockerer gesehen oder strikt eingehalten werden.
Inhalt der Gespräche sollten aktuelle Probleme, Absprachen und gemeinsame
Ziele, aber auch Fortschritte und Erfolgserlebnisse sein.
Besondere Maßnahmen, die Sie während der Schulzeit einführen,
werden besser vorher mit den Eltern abgesprochen. So vermeidet
man Missverständnisse: wenn z.B. das Kind erzählt, es müsse
ständig als Strafe die Tafel putzen, obwohl dieser Tafeldienst
eingeführt wurde, damit es sich auch während des Unterrichts
bewegen kann.
Konfliktpotenzial
Teamwork und offener Austausch sind die
Idealform der Zusammenarbeit zwischen Lehrer und Eltern. Wie Sie
am besten wissen, ist das Verhältnis leider in der Realität
nicht immer so. Es ist oft geprägt von gegenseitigen
Schuldzuweisungen und Missverständnissen. Oder manchmal stimmt,
genau wie bei jeder anderen Beziehung, einfach auch „die Chemie
nicht“. Bei einem angespannten Verhältnis können folgende Tipps
helfen:
- Erlauben Sie, dass die Eltern einen Dritten mit zum Gespräch bringen. Zum
Teil fühlen sie sich eingeschüchtert, alleine einem „pädagogischen Experten“
gegenüber zu sitzen. Die Unterstützung durch einen Partner gibt ihnen
Sicherheit.
- Führen Sie ein großes Meeting durch: Wenn es persönliche Differenzen oder
Abneigung zwischen Ihnen gibt, kann ein Treffen mit mehreren beteiligten
Personen auf Schul- und Elternseite, z.B. Fachlehrer, Rektor,
Hausaufgabenbetreuerin, Therapeut etc. helfen. So wird ein Eins-zu-eins-Gespräch
vermieden, aber trotzdem findet Austausch statt.
- Schließen Sie Verträge: Das schriftliche Festhalten von Verpflichtungen auf
beiden Seiten hilft dabei, Aufgaben klar zu verteilen und einzuhalten. An
manchen Schulen sind solche Instrumente inzwischen Standard geworden und werden
mit den Eltern aller Schüler getroffen.
Die meisten Kinder wollen gerne „normal“ sein, so wie alle anderen Kinder.
ADHS-Betroffene spüren oft schon vor einer Diagnose, dass sie
anders sind. Ihr Schüler wird wahrscheinlich in der Klasse nicht
besonders beliebt und nicht besonders erfolgreich sein.
Die Diagnose: Erleichterung oder Abwehr
Das Gefühl „anders zu
sein“ durch eine medizinische Diagnose bestätigt zu bekommen,
kann eine Erleichterung für das Kind sein: Es bietet eine
Erklärung für sein Verhalten und die auftretenden Probleme.
Manchmal ist die Gewissheit aber auch schwierig, besonders für ältere
Kinder oder Jugendliche: Die Diagnose wird als Feststellung
gesehen, dass man „anders“ oder sogar „krank“ ist.
Aufklärung ist nötig
Das Kind redet wahrscheinlich zuerst mit dem Arzt und seinen Eltern
über die Diagnose. Unter Umständen hat es in Bezug auf manche
Fragen aber Hemmungen, sich diesen Personen gegenüber zu öffnen.
Es kann sein, dass es Sie als erwachsene Bezugsperson auswählt, um seinen
Wissensdurst zum Thema ADHS zu stillen. Manchmal wird auch
aktive Aufklärung von Ihrer Seite nötig: z.B. wenn das Kind
unter falschen Vorstellungen oder Vorurteilen über ADHS leidet.
Auch solche Aufklärungsgespräche sollten vorher mit den Eltern
abgesprochen sein, damit diese sich nicht übergangen fühlen.
Generell gilt: Je besser Sie Bescheid wissen, desto besser können Sie dem
Kind die Informationen vermitteln. Bereiten Sie die Gespräche
vor und wählen Sie eine angenehme Atmosphäre:
- Ort und Zeit sollten so gewählt sein, dass Sie ungestört und ohne Zeitdruck
reden können.
- Wählen Sie eine unbelastete Situation: Ein vorhergehender Streit oder ein
besonders stressiger Schultag sind keine gute Voraussetzung.
- Achten Sie darauf, dass keine anderen Schüler in der Nähe sind, da dies für
das Kind eventuell unangenehm ist.
- Erklären Sie die Erkrankung. Beantworten Sie die Fragen des Kindes ehrlich.
- Machen Sie dem Kind auch seine Stärken klar.
- Gehen Sie auf Befürchtungen und Ängste des Kindes ein.
- Betonen Sie, dass ADHS keine Ausrede sein sollte, sondern im Gegenteil zu
mehr Engagement auffordert.
- Weisen Sie auf die „Belohnungen“ (Freunde, Erfolg, Kreativität etc.) für die
Anstrengungen hin.